Anonymer Angriff – Einsatz für die Sprachprofiler

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Olaf Jastrob im Gespräch mit Prof. Dr. Raimund Drommel und Patrick Rottler, beide Sprachprofiler am Institut für Forensische Textanalyse

Im Bild: Prof. Dr. Raimund Drommel – Patrick Rottler

Herr Prof. Drommel, Sie haben das kriminalistische Sprachprofiling vor 30 Jahren im deutschsprachigen Raum eingeführt und seitdem ständig weiterentwickelt. Heute sind Sie wissenschaftlicher Leiter am Institut für forensische Textanalyse. Was für Fälle landen auf Ihrem Schreibtisch?

Raimund Drommel: „Wir erstellen Täterprofile nach anonymen Angriffen. Unsere Auftraggeber sind mittelständische Unternehmen, Konzerne, Anwaltskanzleien, Sicherheitsfirmen, aber auch Staatsanwaltschaften und Gerichte. Oft geht es um Erpressung, Drohungen oder üble Nachrede, teilweise auch um Kapitalverbrechen. Wenn beispielsweise in einem Unternehmen mit 5.000 Mitarbeitern eine Morddrohung mit DNA-Spuren eingeht und man den anonymen Absender intern vermutet, werden nicht sofort alle 5.000 Mitarbeiter zum DNA-Test vorgeladen. Durch die wissenschaftlichen Methoden des Sprachprofilings ist es uns gelungen, den Täterkreis rasch einzugrenzen. Wir waren uns sicher, dass der Verfasser eine Frau mit französischer Muttersprache war. Davon gab es im Unternehmen genau vier.“

Heißt das, Frauen schreiben anders als Männer?

Raimund Drommel: Ja, Frauen leben in einer anderen Welt als Männer. Jeder Mann, der mit einer Frau zusammenlebt, weiß das. Umgekehrt natürlich auch. Oft stimmt sogar das Klischee «Ein Mann, ein Wort – eine Frau, ein Wörterbuch». Frauen schreiben in der Regel ausführlicher und besser, sind tendenziell beziehungs- und problemorientiert. Erstaunlicherweise schreiben Frauen oft härter, vielleicht um ihre physische Unterlegenheit durch drastische Wortwahl zu kompensieren. Männer sind ziel- und sachorientiert. Hinter nüchternen Erpressungen stehen praktisch immer Männer. Bei Frauen steht sehr oft ein Beziehungsaspekt im Vordergrund. Deshalb ist auch klar: Wenn jemand über einen sehr langen Zeitraum Drohbriefe erhält, ist der Absender in den meisten Fällen eine Frau.“

Angenommen, jemand würde einen Erpresserbrief schreiben, und seine Sprache bewusst verstellen. Würden Sie ihn trotzdem enttarnen?

Raimund Drommel: Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit ja. Sprache hat immer einen persönlichen Stil. Denn Sprache ist ein hochgradig schöpferischer Prozess. Bei der Wahl jedes einzelnen Wortes, jeder Redewendung, jeder Zeitform, jeder Aktiv- oder Passivkonstruktion, bei jedem Haupt- und Nebensatz, müssen Sie Entscheidungen treffen. Ein wesentlicher Aspekt des Sprachprofilings ist, dass wir unsere gesprochene Sprache, genau wie auch geschriebene Texte, zum größten Teil unbewusst bilden. Wir folgen dabei Mustern, die tief in uns verankert sind. Diese Muster entstehen, weil unsere Sprache von Anfang an durch unser soziales und kulturelles Umfeld geprägt wird. Beispielsweise durch unsere Eltern, die Familie, Freunde, Schule, den Beruf und nicht zuletzt durch unsere ganz individuellen persönlichen Interessen. Wir haben sie so verinnerlicht, dass wir sie bewusst nicht mehr wahrnehmen. Und verstellen können Sie eben nur, was Ihnen auch wirklich bewusst ist. Deshalb sollten auch Sie besser keine Erpresserbriefe schreiben.“

Wie wird man Sprachprofiler?

Raimund Drommel: „Die Basis ist ein Studium, beispielsweise der Germanistik oder der Linguistik. Noch wichtiger sind Talent für Sprache, ein Gespür für Grammatik und ein hohes Maß an Motivation und Einsatzbereitschaft. Die Sprachprofiler an unserem Institut durchlaufen dann eine zweijährige Spezialausbildung. Ein Training-on-the-Job, bei dem sie an echten Fällen mitarbeiten. Angefangen von einfachen Erpressungen bis hin zu Gutachten, die mehrere Hundert Seiten haben können. Patrick Rottler, der beste Schüler, den ich jemals hatte, hat Kommunikationswissenschaften studiert und kam schon während seines Studiums zu uns. Er hat einen extrem scharfen, analytischen Verstand und ich kann mir vorstellen, dass er eines Tages mein Zepter übernimmt und der Sprachprofiler Nummer eins in Deutschland wird. An den Hochschulen gibt es einige Spezialisten, die sich mit forensischer Textanalyse befassen. Wirkliche Experten, die in der Lage sind, auch einen anspruchsvollen Fall zu lösen, gibt es in Deutschland geschätzt maximal zehn.“

Herr Rottler, erinnern Sie sich noch an Ihren allerersten Fall?

Patrick Rottler: „Das war eine große Rechtsanwaltskanzlei, die von einem Hacker angegriffen wurde. Die IT-Experten konnten die Angriffe zwar abwehren, aber den Täter nicht identifizieren. Zeitgleich sind dann in einem Bewertungsportal Einträge aufgetaucht, die unseren Auftraggeber in ein schlechtes Licht rücken sollten. Aufgrund der Abkürzung „m. E.“, die für „meines Erachtens“ steht, und für Wissenschaftler und Rechtsanwälte typisch ist, lag der Verdacht nahe, dass die Angriffe von einem Mitbewerber stammen. Daraufhin haben wir die anonymen Bewertungen mit Vergleichsschriftmaterial von einigen Mitbewerbern verglichen und konnten den Verursacher schnell stellen. Er wurde dann konfrontiert und die Hacking-Attacken hatten ein Ende. Und das ist auch unser größter Einsatzbereich: Anhand von sprachlichen Mustern analysieren wir, wer als Täter in Frage kommt und wer nicht.Oft handelt es sich bei den anonymen Absendern um ehemalige oder aktuelle Mitarbeiter, die ihren Frust ausleben. Für unsere Auftraggeber ist es am wichtigsten, zu wissen, wer der Maulwurf ist, ohne die Staatsanwaltschaft im Haus zu haben.“

Wie funktioniert ein vergleichendes Sprachgutachten genau?

Raimund Drommel: „Bei der Textanalyse wird nach sprachwissenschaftlichen Verfahren gearbeitet. Jedes Wort und jedes Zeichen aus dem anonymen Tatschreiben wird mit jedem Wort und jedem Zeichen aus den Vergleichstexten abgeglichen. Grundsätzlich wird dabei nach Normabweichungen vom Standard-Deutschen gesucht. Systematisch auftauchende sprachliche Fehler haben die höchste Signifikanz. Aber auch systematische Auffälligkeiten, die aus sprachwissenschaftlicher Sicht keine Fehler darstellen, können zum Täter führen. Je höher der Abweichungsgrad gegenüber dem allgemeinen Sprachgebrauch, desto höher ist die Aussagekraft. Hinzu kommen sprachpsychologische Merkmale, nach denen z. B. auch CIA und Mossad seit Jahrzehnten fahnden.“



Haben Internet und Digitalisierung die Arbeit der Sprachprofiler verändert?

Patrick Rottler: „Der Tatort Internet beschäftigt uns rund um die Uhr. Bei sprachlichen Auseinandersetzungen im Internet werden die Grenzen zu Straftatbeständen schnell überschritten. Das mag auch daran liegen, dass viele das Web als rechtsfreien Raum betrachten. In der Illusion der perfekten Anonymität werden in Foren Mitbewerber angeschwärzt oder Chefs verleumdet. Auch viele der Erpressungsfälle, die wir bearbeiten,verlagern sich ins Internet. Die Täter fordern Bitcoin, um die Risiken einer Geldübergabe zu vermeiden.“

Raimund Drommel: „Die Erpressungsmuster selbst haben sich „seit Adam und Eva“ nicht geändert. Der Tätertyp hat sich lediglich der digitalen Welt angepasst. Die Währung Bitcoin ist ein wesentlicher Grund für das erneute Ansteigen der zuvor bereits deutlich zurückgegangenen Delikte im Bereich der Produkterpressungen und Lebensmittel-Gefährdungen. Aber wir sind den anonymen Tätern auch online auf der Spur. Denn wir  Sprachprofiler haben einen großen Vorteil: Ein Täter, der sein Ziel erreichen will, muss immer eines tun: Er muss kommunizieren! Und genau hier setzen wir an.“

Zur Person:

Prof. Dr. Raimund Drommel ist der Pionier der sprachwissenschaftlichen Kriminalistik, wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Forensische Textanalyse in München, und überführt als Sprachprofiler seit über 30 Jahren Täter, die Unternehmen anonym angreifen, bedrohen oder erpressen (www.forensische-textanalyse.de). Als einer der renommiertesten Experten weltweit berät er als Sachverständiger für Sprachmuster und Autorenbestimmung Gerichte und Sicherheitsbehörden bis hin zur Generalbundesanwaltschaft. Er ermittelte im Fall Barschel und knackte den geheimen Code der RAF.

Patrick Rottler hat Kommunikationswissenschaften studiert und ist Experte für Datenanalyse. Als Sprachprofiler am Institut für Forensische Textanalyse ist er für den Bereich Cybercrime verantwortlich. Aber auch gewöhnliche Morddrohungen landen auf seinem sprachwissenschaftlichen Seziertisch.

Zitate:

 „Was jemand schreibt – und auch das, was er weglässt – verrät eine Menge über seine Persönlichkeit“

Prof. Dr. Raimund Drommel, wissenschaftlicher Leiter am Institut für Forensische Textanalyse in München

„Der Tatort Internet beschäftigt uns rund um die Uhr!“

Patrick Rottler, Sprachprofiler & Experte für Datenanalyse am Institut für Forensische Textanalyse in München

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